Lasst nach vorne schauen zur Ankunft des Hl. Geistes. (Predigt am 16.5.2026)

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Liebe Brüder und Schwestern

Christus ist auferstanden!

Dieser Ausruf, der uns noch bis Mitte der Woche begleitet, erfüllt auch das eben gehörte Evangelium. Wir können uns die Freude Marias lebhaft vorstellen, als sie den Herrn erkennt und sich ihm freudig zuwendet, um ihn zu umfassen (vgl. Das Evangelium nach Johannes 20,11–18). Auch wir sind von dieser Freude ergriffen.

Doch dann geschieht etwas, das uns stutzig macht. Der Herr verwehrt Maria die Berührung, weil er noch nicht zum Vater aufgestiegen sei (Johannes 20,17). Es ist derselbe auferstandene Herr, der kurz darauf die Apostel auffordert, ihre Hand in seine Seite zu legen (Johannes 20,27). Das verwirrt zunächst. Es lässt sogar den seligen Augustinus rhetorisch fragen, ob es am Geschlecht liegen könne. Er verneint dies — und zwar zu Recht.

Wenn wir die Evangelien vergleichen, sehen wir, warum der Herr so unterschiedlich handelt. Die Apostel trauen seiner Erscheinung zunächst nicht. Sie fürchten, einen Geist zu sehen (vgl. Lukas 24,37), und haben noch nicht genug Glauben, um diese Begegnung anzunehmen. Durch die Berührung stärkt der Herr ihren Glauben.

Bei Maria ist dies nicht nötig. Sie erkennt ihn sofort und nimmt die Begegnung mit gläubiger Freude an. Maria braucht keinen besonderen Beweis. Sie ist bereit, nach vorne zu schauen. Und genau dahin führt der Herr sie. Er bleibt mit ihr nicht beim Augenblick der Freude stehen, sondern weist sie — und mit ihr auch uns — auf das hin, was noch kommen wird: auf die Aufnahme seiner menschlichen Natur zum Thron Gottes (vgl. Apostelgeschichte 1,9–11) und auf die Vollendung der Jünger in der Kirche durch den Heiligen Geist (vgl. Apostelgeschichte 2,1–4).

Das ist auch die Deutung, welche viele Väter geben. Stellvertretend sei Johannes Chrysostomos zitiert: «Und damit sie mit grösserer Ehrfurcht zu ihm sprechen möge — denn auch den Jüngern erscheint er nicht mehr so vertraut —, lenkt er ihre Gedanken in eine andere Richtung, sodass sie ihm gegenüber ehrfürchtiger ist. […] Indem er sagt: ‹Ich bin noch nicht aufgefahren›, zeigt er, dass er sich beeilt und vorwärtsstrebt.» (Johannes Chrysostomos, Homilien über das Johannesevangelium 86,2)

Der Herr bleibt nicht stehen bei der Freude des Sieges über den Tod, sondern eilt weiter zur vollkommenen Verherrlichung der menschlichen Natur zur Rechten des Vaters. Dieser Aufstieg ist notwendig, damit er uns den Tröster sendet (Johannes 16,7), der auch uns vollendet.

Damit erinnert uns die heutige Lesung daran, dass die Auferstehung des Herrn nicht einfach nur ein kosmischer Freudenmoment ist. Sie ist ein Geschehen, das erst dann seine Frucht bringt, wenn es im Leben jedes einzelnen von uns ankommt. Sie will uns verwandeln. Sie will unser Leben verklären und verherrlichen.

So wollen wir nun mit Maria nach vorne schauen, auf das, was noch kommen wird. Wir wollen uns mit ihr auf die Ankunft des Heiligen Geistes in unserem Leben vorbereiten, der uns «alles lehren wird» (Johannes 14,26). Und wir wollen mit Maria tun, was der heilige Romanos der Melode dem Herrn in den Mund legt:

«O heilige Frau, erhebe deine Augen und blicke zum Himmel;
suche mich dort,
denn ich steige zu meinem Vater auf,
den ich nicht verlassen habe.
Denn ich existiere zugleich mit ihm
und teile mit ihm denselben Thron und dieselbe Ehre, ich,
der ich den Gefallenen die Auferstehung schenke.»
(Romanos der Melode, Kondakion über die Auferstehung 40,11)

Amen.


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