Gottes Hilfe geht über den Tod hinaus (Predigt nach Festschluss von Mariä Entschlafen)

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Liebe Brüder und Schwestern

Im heutigen Evangelium wurden wir wiederum Zeugen davon, wie der Herr seine Jünger verlässt und in den Himmel aufsteigt. Und dennoch heisst es – etwas überraschend – im letzten Satz: «Jene aber zogen aus und predigten überall, während der Herr mitwirkte …» (Mk 16,20). Die Gegenwart und die Hilfe Gottes enden also nicht mit seinem irdischen Wirken, sondern bleiben den Aposteln für immer erhalten.

Diese Stelle scheint mir heute besonders bedeutsam, da wir den Festschluss von Mariä Entschlafen gefeiert haben. Denn auch dieses grosse sommerliche Fest vergegenwärtigt uns, dass ein Leben, das den Ruf Gottes beantwortet hat, mit dem Tod nicht einfach endet. Nein: Sie «geht hinüber zum Leben, die Mutter des Lebens ist», wie es im Troparion heisst.

Das Gleiche ist auch uns verheissen, liebe Brüder und Schwestern – aber nicht einfach so. Die Apostel erfahren die Hilfe des Herrn, als sie seinem Ruf gemäss hinausgehen und predigen. Und die Gottesgebärerin geht zum Leben hinüber, nachdem sie zum Plan Gottes für ihr Leben Ja gesagt, ihr ganzes Leben auf den Herrn ausgerichtet, alles gehört und in ihrem Herzen bewahrt hat. Auch wir gehen ins Leben ein, indem wir seinen Ruf beantworten und uns von ihm leiten lassen.

Das wirft die oft gestellte Frage auf, wie wir herausfinden, wozu Gott uns beruft. Diese Frage ist schwierig zu beantworten, weil wir immer in Gefahr stehen, uns von unseren eigenen Wünschen leiten zu lassen und dann nur noch deren Bestätigung zu suchen. Oder unser Sicherheitsbedürfnis führt uns in die Irre, sodass wir auf beinahe okkulte Weise herauszufinden versuchen, was Gott will. Die Väter legen uns vor allem drei Dinge nahe: auf das Evangelium zu hören, uns selbst zu durchschauen und Rat zu suchen.

Der heilige Johannes Chrysostomos erinnert uns in seiner 20. Homilie über den Römerbrief daran, dass ein grosser Teil des Willens Gottes für uns aus der Schrift bereits bekannt ist: Wir sollen nicht Ruhm und Reichtum begehren, sondern das, was der Herr in seinem Gesetz für uns festgelegt hat. Für unser heutiges Thema heisst das zunächst, dass wir das Leben dann erben, wenn wir in allen Dingen «den Willen meines Vaters im Himmel tun» (Mt 7,21).

Darüber hinaus brauchen wir die Gabe der Unterscheidung, die nach dem heiligen Johannes Klimakos drei Stufen hat:

«Bei den Anfängern ist die Unterscheidung wahre Selbsterkenntnis; bei den Fortgeschrittenen ist sie ein geistiger Sinn, der das wahrhaft Gute ohne Fehlurteil von dem unterscheidet, was nur natürlich oder ihm entgegengesetzt ist; bei den Vollkommenen aber ist sie eine durch göttliche Erleuchtung geschenkte Erkenntnis, die mit ihrer Leuchte auch das Dunkle in anderen zu erhellen vermag.» (Leiter des göttlichen Aufstiegs, 26. Stufe)

Da die meisten von uns – ich sicherlich – ein Leben lang Anfänger bleiben, ruft uns der Heilige vor allem dazu auf, unser Gewissen zu erforschen, die Stolpersteine unserer Leidenschaften kennenzulernen und auf sie zu achten. Sie gaukeln uns oft vor, etwas sei «logisch» und «klar» – so wie die Schlange unsere Vorfahren davon überzeugte, der Baum sei gut zur Speise, eine Lust für die Augen und begehrenswert (vgl. Gen 3,6). Es braucht Wachsamkeit, damit wir solchen Gedanken nicht folgen.

Doch auch dann bleibt unser Eigenwille eine grosse Gefahr. Abba Poimen bezeichnet ihn sogar als eine eherne Mauer zwischen Gott und dem Menschen. Die Väter empfehlen uns deshalb, wichtige Entscheidungen nicht allein zu treffen, sondern unsere Gedanken offenzulegen und Rat einzuholen, wie es etwa der heilige Dorotheos von Gaza in seiner fünften Unterweisung lehrt. All dies sollen wir durch inständiges Gebet vorbereiten und begleiten. Entscheidend ist, dass wir Gottes Willen suchen und nicht den unseren. Hüten wir uns deshalb auch vor allen divinatorischen Tricks, mit denen wir uns eine trügerische Sicherheit verschaffen wollen.

Was sollen wir also tun? Auf die Schrift hören; unsere Beweggründe hinterfragen; beten; um Rat fragen; keine absolute Sicherheit erwarten; schliesslich entscheiden und auf Gott vertrauen.

Dann wird unsere Berufung nicht zu einem Rätsel, dessen einzig richtige Lösung wir ängstlich erraten müssten. Sie wird zu einem Weg, auf dem wir lernen, mit Gott zu leben. Die Apostel zogen aus – und der Herr wirkte mit ihnen. Die Gottesgebärerin sprach ihr Ja – und im Entschlafen verliess sie die Welt nicht. Auch wir sollen heute Ja sagen und den nächsten Schritt im Vertrauen tun.

Denn Gott ruft uns nicht nur zu einer Aufgabe für dieses vergängliche Leben. Er ruft uns in sein eigenes Leben. Was hier im Hören, im Gebet, im Dienst und in der Liebe beginnt, wird durch den Tod nicht ausgelöscht. Wenn wir mit Christus leben, dann führt selbst das Ende unseres irdischen Weges nicht aus dem Leben hinaus, sondern tiefer in das Leben hinein, das kein Ende kennt. Amen.


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