Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Liebe Brüder und Schwestern
Wir wurden heute wieder einmal Zeugen eines der schönsten und intimsten Momente im Evangelium: der Begegnung der Maria von Magdala mit dem auferstandenen Herrn. Zuerst begegnet sie dem Engel, dann dem Herrn selbst. Und beide stellen ihr dieselbe Frage: „Frau, warum weinst du?“(Johannes 20,13–15) Diese Frage zeigt zunächst die Fürsorge dessen, der gesagt hat: „Kommt alle zu mir, die ihr euch abmüht und belastet seid, und ich will euch erquicken.“ (Matthäus 11,28) Der Herr sieht den Schmerz des Menschen. Er nimmt unsere Tränen ernst.
Doch diese Frage erhält eine besondere Bedeutung heute – in der Mitte der Grossen Fastenzeit. Denn das Fasten ist die Zeit, in der wir besonders darum ringen zu weinen. Die Fastenzeit hat begonnen mit dem bekannten Doxastichon der Vesper am Sonntag der Vergebung: „Vor dem Paradiese sass Adam und beklagte mit Jammern seine eigene Blösse …“
Immer wieder ruft uns die Kirche dazu auf, unsere eigenen Sünden und den Zustand unserer Welt zu beweinen. Sie ruft uns auf, wie Adam und wie Maria im heutigen Evangelium den Schmerz unserer Gottesferne zu spüren. Dieses Weinen ist kein Zeichen der Schwäche. Es ist der Beginn der Reue, des Umgeistens, der Metanoia. Der Psalm sagt: „Die mit Tränen säen, werden mit Jubel ernten.“ (Psalm 125,5)
Auch die heiligen Väter sprechen oft von den Tränen der Reue. Der heilige Johannes Chrysostomos sagt: „ Groß ist das Feuer der Sünde, und doch wird es durch wenige Tränen gelöscht.“ (vgl. Johannes Chrysostomos, Homiliae de Paenitentia, PG 49, 285–286) Der heilige Isaak nennt das Weinen eine Waffe gegen die Leidenschaften. (Ascetical Homilies)
Tränen sind also kein Zeichen der Verzweiflung. Sie sind ein Zeichen dafür, dass das Herz wieder zu leben beginnt. Denn im Weinen erkennen wir etwas Wichtiges: Wir erkennen, dass wir im Exil leben. Wir erkennen, dass auch wir – im Gefolge Adams – unsere Hoffnung auf Dinge setzen, die sie niemals erfüllen können. Wir erkennen, dass wir durch unsere Leidenschaften den Herrn aus unserem Leben verdrängt haben. Und wir erkennen, dass wir ohne Christus selbst diesen Zustand nicht ändern können. Unsere Tränen werden so zu einem Opfer für Gott.
Sie werden zu einem tiefen Ruf unseres Herzens, dass er komme und unsere Wunden heile.
Darum sagt auch der heilige Johannes Klimakos, dessen Gedächtnis wir heute feiern: „Die Reue ist die Erneuerung der Taufe.“ (Johannes Klimakos, Scala Paradisi, Stufe 5 – Über die Reue) Und an anderer Stelle schreibt er: „Die Trauer … ist ein goldener Antrieb der Seele, der sie auf übernatürliche Weise vorantreibt, dass sie jeder irdischen Zuneigung und Bindung beraubt wird.“ (Johannes Klimakos, Scala Paradisi, Stufe 7 – Über die Tränen)
Das ist es, liebe Brüder und Schwestern, was wir in der zweiten Hälfte dieser Fastenzeit suchen wollen: Wir wollen unser eigenes Los ungeschminkt sehen. Wir wollen unsere Gottesferne erkennen und den Schmerz darüber spüren. Wir wollen um Tränen ringen – wenn nicht mit den Augen, so doch im Herzen.
Und doch zeigt uns das heutige Evangelium noch etwas anderes: Maria weint, weil sie glaubt, den Herrn verloren zu haben. Aber gerade während sie weint, steht Christus bereits neben ihr. Sie erkennt ihn noch nicht – aber er ist schon da. So ist es oft auch in unserem Leben. Wenn ein Mensch beginnt, über seine Sünden zu weinen, wenn ein Mensch beginnt, seine Gottesferne zu erkennen, dann ist Christus ihm bereits näher, als er glaubt. Darum sagt der Herr: „Selig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden.“ (Matthäus 5,4)
Möge Gott uns in dieser Fastenzeit diese heiligen Tränen schenken – die Tränen der Reue, die Tränen des Umgeistens, die Tränen, die unser Herz öffnen für die Begegnung mit dem auferstandenen Herrn.
Amen.
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