Predigt über die Kirche, der Ort der Begnung mit dem Herrn (20. 12. 2025)

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Liebe Brüder und Schwestern,

im heutigen Evangelium (Lukas 24, 36-53) wurden wir Zeugen, wie der Herr den Jüngern vor seiner Auffahrt erschien, um ihnen die Angst vor dem Geschehenen und vor seiner Erscheinung zu nehmen.

Der grosse englische Kirchenvater Beda Venerabilis liest dieses Ereignis auf uns und auf unsere Erfahrungen in der Eucharistie hin:

«Der Herr liess sich herab, sich in die Mitte seiner Jünger zu stellen, die um ihn versammelt waren, und ihnen seine Gegenwart in einer sichtbaren Erscheinung seiner selbst zu offenbaren. Dies ist es, was er allen Gläubigen an anderer Stelle verheißen hat, als er sagte: ‚Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.‘
Um die Standhaftigkeit unseres Glaubens zu stärken, die die Gegenwart der göttlichen Güte stets mit sich bringt, wollte er dies bisweilen durch sein leibliches Erscheinen bekräftigen. Auch wenn wir weit unter den Aposteln stehen, dürfen wir darauf vertrauen, dass uns durch seine Gnade dasselbe widerfährt: Er ist unter uns, sooft wir uns in seinem Namen versammeln.»

(Homiliae Evangelii 11,9)

Der Heilige nimmt uns damit gleichsam hinein in das Auferstehungsevangelium, zu den in Jerusalem versammelten Aposteln. Und er eröffnet uns eine tiefe Wahrheit: Es ist hier in der Kirche, im gottesdienstlichen Zyklus, der mit der Vesper beginnt und in der Eucharistie seine Vollendung findet, dass das Evangelium des Auferstandenen von einer Erzählung und einer Überzeugung zu gelebter Wirklichkeit wird.

Es ist hier, in der Kirche, im Gottesdienst, wo wir dem Auferstandenen begegnen und uns mit ihm vereinen. Es ist hier, in der Kirche, im Gottesdienst, wo der Heilige Geist auf uns herabkommt und uns mit einem stärkeren Band als Blut oder Nation zu einer lebendigen Gemeinschaft untereinander und mit Gott verbindet.

Dieser Zusammenhang war den Aposteln bewusst. Ihr Glaube an die Auferstehung entstand nicht aus einer inneren Überzeugung – wir werden fast an jedem Samstagabend Zeugen, wie schwer es ihnen fiel, die gute Nachricht anzunehmen –, sondern aus der Begegnung mit dem Herrn. Einer Begegnung, die meist stattfand, wenn sie versammelt waren. So hat der Herr auch seinen Geist zu den im Gebet versammelten Aposteln herabgesandt. Im Gottesdienst haben wir Teil an dieser Erfahrung der Apostel, wir gesellen uns gleichsam zu ihnen.

Die Bedeutung der versammelten, anbetenden Gemeinde war der Spätantike, dem ganzen Mittelalter und bis in die Moderne hinein selbstverständlich. Erst unsere Zeit will uns weismachen, dass dies nicht mehr nötig sei, dass Spiritualität eine rein individuelle Angelegenheit sei.

Wir aber, liebe Brüder und Schwestern, wollen uns die Botschaft des heutigen Evangeliums zu eigen machen. Wir wollen unsere gelebte Erfahrung, dass Gott in der Tat mitten unter uns ist, wenn wir uns in seinem Namen – das heisst zum Gottesdienst – versammeln, nutzen, um unserer vereinzelten Welt zuzurufen:

Es ist in der Kirche, wo wir dem Auferstandenen begegnen.
Es ist in der Kirche, wo Zweifel in Hoffnung und Hoffnung in Gewissheit umschlägt.
Und es ist deshalb in der Kirche, wo mit Kraft der Freudenruf erklingt:

Christus ist auferstanden!

Amen.


Comments

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert