Unsere (Schweizer) Heiligen zeigen uns die transformierende Kraft der Begegnung mit Gott.

Predigt von Priester Daniel Schärer am Sonntag Aller Heiligen der Schweiz

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Liebe Brüder und Schwestern

Mit der Geschichte des Weges nach Emmaus werden wir im heutigen Evangelium erneut Zeugen einer für das Christentum grundlegenden Wahrheit: Es ist die Begegnung mit dem Herrn, die uns zum Glauben bringt; es ist die Begegnung mit dem Herrn, die Furcht und Trauer in Freude verwandelt; es ist die Begegnung mit dem Herrn, die uns die Gewissheit gibt, seinen Weg zu gehen und ihn zu bezeugen.

Dabei ist diese Begegnung nicht einfach etwas Psychologisches, als würden wir in Jesus lediglich einen Freund gewinnen. Sie geht viel tiefer: Der Herr hat unsere menschliche Natur angenommen und geheiligt, damit wir uns mit ihm vereinigen und an seinem Leben teilhaben können. Er führt unsere Natur zurück zu ihrem eigentlichen Ziel: zur Gemeinschaft mit Gott und damit zur Liebe.

Und deshalb erkennen die Jünger den Herrn schliesslich beim Brechen des Brotes – also bei einem eucharistischen Akt. Diese Begegnung steht im Zentrum des christlichen Glaubens. Sie ist der Schlüssel zu allem, was die Kirche lehrt und tut.

Die Veränderung, die wir heute an den Jüngern sehen, zieht sich auch durch die Geschichte der Kirche. Deshalb freut es mich besonders, dass wir dieses Evangelium an dem Sonntag hören, an dem wir die Versammlung aller Heiligen der Schweiz feiern. Denn auch ihr Leben legt Zeugnis davon ab, was geschieht, wenn ein Mensch dem Herrn begegnet.

Da ist zunächst die gerechte Verena. Ihr Leben ist durchzogen von Brüchen und Verlusten. Doch diese führen sie nicht zur Verbitterung, sondern immer tiefer in die Gemeinschaft mit dem Herrn – bis die Liebe, die sie von ihm empfängt, überfliesst und sie sich selbst ganz den Kranken und Leidenden zuwendet.

Die Märtyrer der Thebäischen Legion – Mauritius in Agaunum, Urs und Viktor in Solothurn und unsere Stadtheiligen Felix, Regula und Exuperantius in Zürich – erkennen angesichts der Verfolgung, dass Christus der wahre Herr ist, vor dem selbst der Kaiser zurücktreten muss. Diese Gemeinschaft mit Christus macht sie frei: frei von der Angst vor weltlicher Macht und schliesslich sogar frei von der Angst vor dem Tod.

Die heilige Märtyrernonne Wiborada wird von ihrer Sehnsucht nach Gott immer tiefer in die Einsamkeit geführt – in eine Einsamkeit, die in Wahrheit Gemeinschaft mit Ihm ist. Gerade diese Gemeinschaft gibt ihr die Kraft, die Furcht zu überwinden und sich ihren Nächsten in Rat und Tat zuzuwenden. Als die Ungarn kommen, sorgt sie für die Rettung der anderen – und bleibt selbst im Gebet bei Gott.

Auch der heilige Adalrich zieht sich in die Einsamkeit der Ufnau zurück und wird dort von der Gegenwart Gottes getragen und gestärkt. Doch gerade diese Gemeinschaft mit Gott schliesst ihn nicht gegen die Menschen ab, sondern führt ihn immer wieder zu ihnen zurück: Er wird aus seiner Einsamkeit heraus zu Wiborada gesandt, um ihr zu helfen und sie zur Mässigung ihrer allzu strengen Askese aufzurufen; er dient im jungen Kloster Einsiedeln und trägt schliesslich die pastorale Sorge für die Menschen am oberen Zürichsee. Die Begegnung mit Gott führt ihn nicht weg von den Menschen, sondern lässt ihn ihnen auf neue Weise dienen.

Und der heilige Meinrad schliesslich lebt so sehr aus der Gemeinschaft mit Christus, dass er in jedem Menschen, der zu ihm kommt, Christus zu erkennen sucht. Selbst als er weiss, dass zwei Männer mit böser Absicht zu ihm kommen, empfängt er sie als Gäste. Seine Gemeinschaft mit Christus wird zur Gastfreundschaft – bis in den Tod.

Liebe Brüder und Schwestern, die wenigsten von uns sind Heilige wie diese. Aber die Verheissung der Gemeinschaft mit Gott wurde nicht irgendwelchen geistlichen Superhelden gegeben. Sie gilt jedem und jeder von uns. Und der Herr ist nicht fern. Wie den Jüngern auf dem Weg nach Emmaus kommt er auch uns entgegen: in seinem Wort, im Gebet, im Menschen neben uns und vor allem im Brechen des Brotes, in seinem Leib und Blut.

Nutzen wir deshalb den heutigen Festtag, um unsere Sehnsucht nach ihm neu zu entfachen und uns immer wieder für diese Begegnung zu öffnen. Denn wenn wir ihm wirklich begegnen, kann auch unser Leben nicht einfach bleiben, wie es war. Dann dürfen auch wir mit den Jüngern von Emmaus erkennen: «Brannte nicht unser Herz in uns, als er unterwegs mit uns redete?»

Amen.


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